Der in Schottland lehrende amerikanische Militärhistoriker Phillips P. O’Brien, auf den ich hier bereits einmal hingewiesen habe, hat sich kürzlich in einem Video Interview mit Adam Kinzinger über den aktuellen Stand und die Aussichten im Ukraine-Krieg geäußert. Kinzinger ist einer der wenigen Republikaner, der schon unter der ersten Trump Amtszeit klar gegen ihn Position bezogen hatte (und der dafür auch Morddrohungen in Kauf nehmen musste). Auf seinen lohnenden Substack Kanal sei hier nebenbei auch ausdrücklich hingewiesen.

In dem ca. 40-minütigen Video geht es im langen ersten Teil um die USA unter Trump, erst ab Minute 25 um den Krieg in der Ukraine. Beide Gesprächspartner haben direkte (hochrangige) Kontakte in die Ukraine und waren in der jüngeren Vergangenheit selbst dort.

Sie stimmen dahingehend überein, dass die Bevölkerung zwar durch den Krieg extrem gebeutelt ist, zumal in den letzten Wochen und Monaten, wo Russland die – als (weitere) Kriegsverbrechen anzusehenden – Luftangriffe gegen die zivile Infrastruktur gezielt während der harten Winterzeit vorantreibt. Dennoch erlebten sie die Ukrainer nicht als kriegsmüde in dem Sinne, dass ihnen alles lieber wäre als den Krieg fortzusetzen. Im Gegenteil hatten beide den Eindruck, dass die Menschen dort von einer noch lange anhaltenden Kriegszeit ausgehen und ihr Durchhalten und Verteidigen als alternativlos betrachten, weil sie klar sehen, dass Russland einen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine führt.

Die strategischen Perspektiven der Ukraine würden von Spitzen im Militär als gar nicht so schlecht eingeschätzt, während in unseren Medien seit Beginn des Krieges eigentlich stets der Anschein erweckt wird, diese oder jene angeblich strategisch wichtige Ortschaft stehe kurz vor dem Kollaps usw. Die Frontlinie bleibt dabei aber in Wahrheit seit Jahren fast unverändert!

Letzteres hat auch mit den im Donbas entstandenen „Todeszonen“ zu tun, also ein unmittelbarer Frontbereich, in dem das Kämpfen fast immer mit dem Tod bezahlt wird. Hier verfolgten die involvierten Kriegsparteien offenkundig unterschiedliche Strategien: während die Ukraine alles daransetze, so wenig Soldaten wie möglich im Frontbereich einzusetzen, um so die eigenen Opferzahlen gering zu halten, agiere Russland weiter wie in früheren Kriegen, nämlich in der Erwartung, dass die schiere Masse am Ende den Sieg erbringen wird. Das heißt dann aber auch: Schiere Masse an geopferten eigenen Soldaten.

Die Opferzahlen sind so schockierend hoch, dass man sie kaum glauben mag. Die Ukraine verfolgt laut O’Brien inzwischen das Ziel, Russland an der tödlichen Frontlinie personell ausbluten zu lassen. Man arbeite daran, Russland monatliche Verluste in der Größenordnung von 35.000 bis 50.000 Soldaten zuzufügen! Kinzinger setzt diese Zahlen im Interview postwendend in den Kontext: das sei ein monatlicher Verlust an Soldaten, wie ihn die USA im gesamten Vietnamkrieg erlitten hatten!

Die zweite mittelfristige Strategie der Ukraine seien Luftschläge gegen Ölraffinerien und andere kriegsrelevante Infrastruktur. Über deren Bedeutung hatte O’Brien zuvor auf seinem Substack Kanal schon wiederholt berichtet.

Beide Männer waren sich im Übrigen darin einig, dass der Krieg längst zugunsten der Ukraine hätte beendet sein können, wenn die USA und Europa bereit gewesen wären, die ukrainische Armee angemessen zu unterstützen (anstatt ihr nur so viel zu geben, dass sie gerade nicht kapitulieren muss).
Auch unter der jetzigen Bundesregierung hat sich daran nicht viel geändert, obgleich Merz sich zuvor stets damit gebrüstet hatte, dass unter seiner Kanzlerschaft sogleich Taurus-Marschflugkörper zur Verfügung gestellt würden, die die Ukraine bekanntlich seit langer Zeit fordert.