Substack ist ein amerikanisches Portal, das eine Infrastruktur anbietet, mit dem auch weniger technikaffine Personen einen Blog betreiben können. Diese Gelegenheit haben inzwischen sehr viele Akademiker gerne ergriffen. Ich folge seit einiger Zeit unter anderem einem The Rational League betitelten Autor. Sein Klarname tritt nicht in Erscheinung, aber es ist sicher jemand mit genauen Kenntnissen der Psychologie.

Im Folgenden nenne ich ihn TRL. Er (oder sie!) hat es sich zur Aufgabe gemacht, ähnlich wie hierzulande der Kognitionspsychologe Stöcker, Erkenntnisse der Psychologie, vornehmlich Kognitions-, Sozial- und Politische Psychologie, auf aktuelle gesellschaftspolitische Problemfelder und Themen zu beziehen bzw. sie durch diese psychologischen Linsen verständlicher zu machen.

Mit der Bezugnahme auf die genannten Teildisziplinen der Psychologie (und nicht etwa auf die klinische Psychologie!) wird zudem gewährleistet, dass große gesellschaftliche Themen nicht zu Problemen individueller Psychopathologie verkleinert werden. Diese Gefahr besteht stets, wenn man sich psychologisch nur mit den Kernfiguren problematischer Massenbewegungen befasst, also „die Psychologie“ Hitlers, Putins, Trumps usw. auf den Begriff zu bringen versucht. In den Beiträgen von TRL geht es im Gegenteil um die Masse der MAGA-Aktivisten und um die noch größere Masse der MAGA-Sympathisanten.

Ich werde hier nachfolgend zwei kostenlos zugängliche Beiträge von TRL vorstellen, in denen TRL sich mit Trump, MAGA und der Frage befasst, inwiefern es sich hier um einen amerikanischen Faschismus handelt. Damit wird zugleich eine wichtige Grundlage geschaffen, um nicht nur das Geschehen in den USA etwas mehr zu begreifen. Vielmehr bekommt man zugleich eine Ahnung, vor welchen Aufgaben wir hierzulande stehen werden, wenn wir die ähnlich geartete populistische Bewegung in den Griff bekommen wollen, die mit der AfD Gestalt angenommen hat und von ihr orchestriert wird.

Im ersten Beitrag wird gewissermaßen die Bühne bereitet. Sein Titel lautet: „Sie haben uns 1945 gewarnt, dass der Faschismus in Amerika sich wie Patriotismus ausnehmen würde“. Dieser Titel spielt an auf ein Zitat aus einem damals geheimen Dokument des amerikanischen Kriegsministeriums, das in seinem Mitteilungsblatt („Orientation Fact Sheet“ Nr. 64) am 24. März 1945 folgendes feststellt: „Jeder mögliche Versuch einer faschistischen Machtübernahme in den USA dürfte nicht denselben Weg einschlagen wie Hitler. Vielmehr wird er unter der Tarnkappe des ‚Hyper-Patriotismus‘ und als ‚Super-Amerikanismus‘ auftreten. Faschistische Führungspersönlichkeiten sind weder Dummköpfe noch sind sie naiv. Sie wissen, dass sie etwas anbieten müssen, das gut ankommt“.

Abbildung übernommen aus: substack_therationalleague „They warned us in 1945“

Schon dieses kleine Zitat zur Einleitung des Themas lässt einen sogleich an die aktuelle MAGA-Bewegung und ihren „Amerikanismus“ denken.

Der zweite Beitrag befasst sich ausführlich mit den Mechanismen und Triebkräften der Bewegung, also wie der neue Faschismus funktioniert, der eigentlich ein wohlbekannter ist. Deshalb lautet sein Titel: „Faschismus in Amerika: Dieselbe Blaupause, nur eine andere Flagge“.

Auf den ersten Beitrag werde ich nachfolgend eher knapp eingehen, dafür aus dem zweiten Beitrag ausführliche Zitate präsentieren. Zitate werden kursiv gesetzt sein. Sofern nicht ausdrücklich hervorgehoben, beziehen sich alle Zitate auf die beiden genannten Texte. Am Schluss füge ich noch eigene Betrachtungen und eine persönliche Bewertung an. Wichtige Quellen, auf die sich TRL bezieht, werden auch am Ende aufgeführt. Von zentraler Bedeutung sind für TRL hierbei die grundlegenden Arbeiten des kanadischen Psychologen Robert Altemeyer.  Er knüpfte an die in den 1940er Jahren von Adorno und Mitarbeitern durchgeführten Studien zum Autoritären Charakter an, um diese aber auf eine solidere, empirisch-psychologische Grundlage zu stellen. Anstelle der psychometrisch unbefriedigenden F-Skala, mit der Adorno et al. gearbeitet hatten, entwickelte er eine international weithin verwendete Skala zum rechten Autoritarismus (right-wing authoritarianism; RWA). Diese Skala erlaubte es ihm später, in Experimenten (Simulationen) das Agieren von Personen mit hohen versus niedrigen Werten genauer zu untersuchen (siehe Quellen Nr. 1 und 2 sowie den Wikipedia-Eintrag zu Altemeyer).

Dass überhaupt ein psychologischer Erklärungsansatz für die Analyse des aktuellen politischen Geschehens wertvoller sein könnte als ein auf die Politikwissenschaft beschränkter Ansatz, könnte aufgrund der in vieler Hinsicht Rätsel aufgebenden Person Donald Trumps naheliegen. Viel wichtiger aber ist, dass (auch) die ihm zugetanen Kreise in der Bevölkerung gerade nicht auf den ersten Blick rational agieren. Oder wie TRL es einleitend im zweiten Text feststellt: „Es gibt einen Grund, warum Fakten bei ihnen nicht funktionieren. Seit Jahren wiederholen Kritiker des Trumpismus dieselben Strategien: Daten vorlegen, Lügen entlarven, an die Empathie appellieren – nur  um dann zu sehen, wie ihre Bemühungen abprallen wie Gummigeschosse an Panzerstahl. Was, wenn der Grund dafür nicht Unwissenheit oder Fehlinformation ist, sondern psychologisches Design?“

Um die nähere Charakterisierung dieses „Designs“ geht es TRL.

 
„Sie haben uns 1945 gewarnt“.
In diesem ersten Text führt TRL vor allem zwei Kernelemente ein, die die Dynamik der MAGA-Bewegung in Gang setzen, nämlich erstens die Angst vor Statusverlust in einer als nicht mehr sicher wahrgenommenen Welt, die zweitens in einem Ressentiment mündet. Dieses sorgt dafür, dass nicht das Abwägen von Argumenten und das Finden der Wahrheit im Mittelpunkt stehen, sondern etwas ganz anderes, das im Hinblick auf das Funktionieren demokratischer Öffentlichkeiten hoch problematisch ist.

„In diesem Essay geht es nicht um politische Meinungsverschiedenheiten. Es geht um etwas Tieferes und Ursprünglicheres. Es geht darum, was vor sich geht, wenn große Teile einer Bevölkerung das Gefühl haben, dass ihre Dominanz durch demografische Veränderungen, durch kulturelle Liberalisierung, durch wirtschaftliche Globalisierung und durch das langsame Verschwinden von Mythen, die sie einst an die Spitze der sozialen Nahrungskette gestellt hatten, in den Hintergrund gedrängt wird. Wenn diese Auflösung (der Dominanz, G.U.) beginnt, dann werden Fakten irrelevant. Dann wird der Verstand tun, was er tun muss, um sein Selbst zu schützen. Er wird dann für diejenigen stimmen, die versprechen, die Welt für diese Veränderung zu bestrafen“.

Im Zentrum steht ein Gefühl der Angst und der Bedrohung in einer Welt, die aus den Fugen geraten scheint und die man nicht mehr versteht.

„Je mehr sich die Menschen bedroht fühlen, durch Kriminalität, durch Einwanderung, durch kulturellen Wandel, durch eine Welt, die sie nicht mehr verstehen, desto mehr sehnen sie sich nach Ordnung, nach Gehorsam und nach Strafe. Und in der MAGA-Bewegung ist die Angst nicht nur ein Nebeneffekt. Sie ist das Verkaufsargument.”

Ordnung, Gehorsam und Bestrafen sind hier als Schlüsselbegriffe für Autoritarismus zu verstehen. Anstatt ihn wie zu Adornos Zeiten als ein (dauerhaft präsentes) Charaktermerkmal aufzufassen, sieht man heute Autoritarismus eher als eine gewissermaßen situativ aktivierbare Disposition an, die eine bestimmte Weise der Wahrnehmung, des Erlebens und Verhaltens bedingt: „Menschen können einen Großteil ihres Lebens ohne autoritäre Einstellungen leben. Aber wenn sie eine Bedrohung wahrnehmen, insbesondere eine Bedrohung für ihre Gruppe, dann kommen diese Einstellungen an die Oberfläche. Die Angst muss nicht einmal real sein, sie muss sich nur echt anfühlen. Und MAGA lebt von diesem Gefühl. Trumps Rhetorik ist geradzu eine Lehrstunde in Sachen Angstverstärkung. Von dem Moment an, als er seine Kampagne begann, indem er mexikanische Einwanderer als Vergewaltiger und Kriminelle brandmarkte (….) hat Trump das moderne Leben als Schlachtfeld dargestellt – und seine Anhänger sowohl als Opfer als auch als Soldaten. Seine Botschaft ist einfach: Die Welt ist gefährlich, aber ich werde euch beschützen und ich werde mir die Menschen vorknöpfen, die ihr fürchtet“.

Trumps Anhänger, so TRL weiter, seien nicht wirklich „irrational“ (obwohl sie allen anderen genauso erscheinen).  Vielmehr „reagieren sie – oftmals aus dem Bauch heraus – auf einen wahrgenommenen Zusammenbruch der Welt, die sie kannten.“  

Statusverlust
Die Angst vor Statusverlust bildet den Treibstoff für die Hinwendung zum beschützenden Führer: „Wenn Angst der Funke ist, der den MAGA-Autoritarismus entzündet, dann ist Statusangst der langsam brennende Brennstoff, der ihn am Leben erhält. Es sind nicht die Armen, die die MAGA-Basis bilden, sondern diejenigen, die fürchten, arm zu werden, oder genauer gesagt, irrelevant. Sie sind nicht die am meisten Entrechteten. Es sind diejenigen, die sich einst in der Mitte fühlten und nun das Gefühl haben, verdrängt zu werden. Trump hat ihnen keinen Wohlstand versprochen. Er hat versprochen, den gesellschaftlichen Kompass wieder an ihnen auszurichten.“ Es geht also ausdrücklich nicht primär um die ökonomische Marginalisierung, sondern um den symbolischen Statusverlust, den TRL auch als „kulturelle Entthronung“ bezeichnet.

Ressentiment
Der restliche Text führt dann wichtige Konstrukte der Politischen Psychologie ein, neben dem bereits erwähnten Autoritarismus das des Sozialen Dominanzstrebens sowie kollektiven Narzissmus als Illusion (und Anmaßung) der Überlegenheit, die zusammen das Ressentiment hervorbringen im Sinne der unbedingten Überzeugung, zu Unrecht benachteiligt zu sein und sich dafür zu rächen (und nicht etwa fairere Verhältnisse anzustreben).

Diese Komponenten sind ausführlicher im zweiten Text erläutert, auf den ich deshalb gleich überleiten werde. Zuvor noch ein ausführliches Zitat aus dem ersten Text, das anklingen lässt, was für Außenstehende, also Beobachter der MAGA-Bewegung, so verwirrend ist und sie nach psychologischen statt politischen Erklärungen suchen lässt:

„Hinter der MAGA-Ideologie verbirgt sich ein Paradoxon: Sie sieht sich selbst als Befreiungsbewegung und fordert gleichzeitig die Macht, andere zu beherrschen. Ihre Anhänger sehen sich selbst als mutige Wahrheitsverkünder, die an korrupten Institutionen und gesellschaftlichem Verfall rütteln. Sie wettern gegen ’staatliche Übervorteilung‘, ‚woke Indoktrination‘ und ‚radikale Pläne‘. Doch wenn man sich ansieht, wofür sie kämpfen, ergibt sich ein anderes Bild: Kontrolle, Zwang und Grausamkeit im Namen der Freiheit.

Das ist kein Zufall. Es geht um den Schutz der Identität, einen psychologischen Prozess, bei dem Menschen die Realität verzerren, um ihr Selbstverständnis und das ihrer Gruppe zu verteidigen. Wenn die Gruppenidentität bedroht ist, verfallen die Menschen in eine moralische Umkehrung: Sie definieren Schaden als Tugend, Aggression als Verteidigung und Unterdrückung als Freiheit um.  (…)
Das ist kein Konservatismus. Es ist reaktiver Autoritarismus, ein moralischer Kodex, der auf der Bestrafung von Unterschieden beruht, um eine fragile Identität zu bewahren.

Die MAGA-Anhänger glauben, sie würden Amerika befreien. Aber Befreiung bedeutet in ihren Augen, alles auszumerzen, was sie als Bedrohung empfinden – seien  es Trans-Rechte, Immigranten, die Autonomie der Frau oder der ‚Globalisierung‘. Sie machen diese Gruppen für ihr Gefühl des Niedergangs verantwortlich und projizieren ihre Kämpfe auf Sündenböcke. Infolgedessen machen sie sich Mechanismen der Zerstörung zu eigen – rechtlich, kulturell und rhetorisch – und nennen dies Gerechtigkeit.“

Dieselbe Blaupause, nur eine andere Flagge
Eingangs hatte ich bereits erwähnt, dass die psychologischen Veränderungen, die durch Angst vor Veränderung in Personen mit ausgeprägtem Autoritarismus in Gang kommen, auch für das Funktionieren demokratischer Öffentlichkeiten kritisch sind. Dieses Thema greift TRL in der Einleitung zum zweiten Text auf und macht es wie folgt deutlich: MAGA-Anhänger (und vergleichbare populistisch Aufgeputschte; G.U.) „sind psychologisch darauf konditioniert, Systeme zu unterstützen, die Ungleichheit verfestigen, die Schwachen bestrafen und Grausamkeit als politische Tugend hochhalten. Dies sind keine Eigenschaften, die sich leicht ändern lassen. Wie wir zeigen werden, tun sie das sogar selten.
Man kann nicht mit jemandem verhandeln, der Kompromisse als Kapitulation ansieht. Man kann niemanden von seinen Überzeugungen abbringen, die als emotionale Panzerung gegen Unsicherheit und Angst dienen. Und man kann sicherlich keine funktionierende Demokratie aufbauen, wenn 30-40 % der Bevölkerung Gleichheit als Angriff und Mitgefühl als Schwäche interpretieren.
Dies ist der psychologische blinde Fleck im Herzen von MAGA, und er erklärt, warum selbst politische Maßnahmen, die das Leben für ihre eigenen Leute objektiv schlechter machen, immer noch befürwortet werden nämlich, wenn sie autoritäre Werte oder hierarchische Dominanz bekräftigen.
Diese Menschen sind nicht einfach nur Wähler. Sie sind Gläubige, die nicht durch Fakten, sondern durch Angst, Identität und Unzufriedenheit geprägt sind.“

Kernelemente dessen, was TRL später als „psychologische Maschine“ bezeichnen wird, sollen nun anhand wichtiger Zitate charakterisiert werden. Im Text von TRL werden diese Elemente dann an mehr oder weniger geläufigen Aspekten der MAGA-Bewegung und ihrer Propaganda näher erläutert und weiter ausgeführt, worauf hier zu Gunsten einer komprimnierteren Darstellung verzichtet wird.

1. Ungleichheit
„Der Konservatismus, insbesondere seine rechte Form, funktioniert als eine Art motivierte soziale Wahrnehmung (motivated reasoning). Das heißt, es geht nicht nur um Prinzipien, sondern auch um Angst, Bedrohung und den tiefen Wunsch nach Sicherheit und Stabilität. Eine Kerndimension des Konservatismus ist der Widerstand gegen Veränderungen. Die andere? Die Befürwortung von Ungleichheit. Diese beiden Aspekte sind psychologisch miteinander verwoben. Je unsicherer sich eine Person fühlt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie Systeme unterstützt, die die Vorherrschaft bewahren, selbst wenn diese Systeme anderen schaden. Selbst wenn sie einem selbst schaden“.

2. Richt-Wing Authoritarianism (RWA nach Altemeyer)
„Rechter Autoritarismus ist keine politische Meinung. Es ist ein psychologisches Profil. Und die MAGA-Bewegung entspricht ihm perfekt“.

Was muss man sich unter (psychologischem) Autoritarismus vorstellen? „Es handelt sich um ein Bündel von Merkmalen: Unterwerfung gegenüber wahrgenommenen Autoritäten, Aggression gegenüber von diesen Autoritäten sanktionierten Gruppen und der Wunsch, traditionelle soziale Normen durchzusetzen. Es geht nicht nur darum, konservativ zu sein. Es geht um die psychologische Veranlagung, dem Anführer zu folgen, egal was dieser sagt oder tut.“

Autoritarismus spielt im Bewusstsein dann die Hauptrolle, ist also gewissermaßen organisierendes Prinzip der Wahrnehmung und des Denkens: „Fakten spielen keine Rolle. Widersprüche spielen keine Rolle. Was zählt, ist die Loyalität gegenüber der Hierarchie. Unterwerfung verwandelt sich in ein Fest, wenn die Machthaber dieselben Menschen angreifen, vor denen sich die Anhänger bereits fürchten – Einwanderer, Journalisten, schwarze Amerikaner, LGBTQ+-Gemeinschaften. Die Aggression wird so zu einer rechtmäßigen“

Einleitend hatte ich bereits erwähnt, dass Altemeyer, auf den sich TRL ausgiebig bezieht, in seinen Forschungsarbeiten auch mit Simulationsexperimenten gearbeitet hatte. Hierbei handelte es sich u.a. um “Welt-Spiele”, in denen die Versuchspersonen in die Lage von Herrschern über die Welt versetzt wurden. Sie trugen dann die volle Verantwortung für die Lösung (oder Eskalation) von Konflikten im Rahmen von computersimulierten Prozessen. Die Gefährlichkeit der Autoritarismus, wenn er mit Macht gepaart wird, konnte Altemeyer in diesen von TRL geschilderten Experimenten eindrücklich belegen.

In einem 1994 durchgeführten Global Change Game-Experiment teilten die Forscher die (studentischen) Probanden in Gruppen je nach ihrer Ausprägung auf der RWA-Skala ein. Im Spiel (also der Welt-Simulation) hatten die Probanden dann 40 Jahre Zeit, um die Erde zu regieren. Unter der einen Versuchsbedingung, Studenten mit niedrigen RWA-Werten, kam es bald zu umfassender Zusammenarbeit, Entmilitarisierung und einer nahezu universellen Problemlösungen, trotz der Herausforderungen durch Klimawandel und Bevölkerungswachstum (die bemerkenswerterweise damals bereits als Herausforderungen eingespeist waren). Es wurden auch keine Kriege erklärt. Die meisten Regionen halfen den Armen, und der Planet überlebte.

Danach ließen die Forscher das Spiel erneut laufen, diesmal nur mit Probanden, die hohe RWA-Werte aufwiesen. Innerhalb einer Stunde brach ein Atomkrieg aus. Millionen Menschen starben. Auch als man den Probanden eine zweite Chance gab, verfielen sie in Konkurrenz, Misstrauen, Aggression und Isolation. Die Zusammenarbeit brach zusammen. Empathie verschwand. Der Planet kollabierte erneut, dieses Mal durch Untätigkeit und Ethnozentrismus. In einem dritten Durchgang des Spiels, bei dem alle Spieler einen hohen RWA-Wert hatten, aber nicht die zusätzliche Eigenschaft  Soziales Dominanzstreben (auf die gleich weiter einzugehen ist), starben fast 2 Milliarden Menschen. Dies jedoch nicht durch Krieg, sondern durch Vernachlässigung und Verzweiflung. Diese Spieler (also reiner Autoritarismus ohne Dominanzstreben) waren nicht einmal feindselig. Sie waren einfach nur gehorsam, phantasielos und zu ängstlich, um über ihre Grenzen hinauszugehen.

Für TRL ist rechter Autoritarismus „keine politische Vorliebe. Es ist ein Persönlichkeitsmuster. Und es ist eines“, wie sich aus der Geschichte ebenso wie aus den Altemeyerschen Experimenten ablesen lässt, „das sich immer wieder als katastrophal erwiesen hat, wenn es an die Macht kommt“.

3. Soziales Dominanzstreben
Wie eben bereits angedeutet, kann Autoritarismus ausgeprägt sein, aber ohne Soziales Dominanzstreben, wie es auch Soziales Dominanzstreben (SDS) ohne Autoritarismus gibt.  

„Rechter Autoritarismus erklärt die Psychologie der Gehorsamen, während das soziale Dominanzstreben (SDS) diejenigen erklärt, die sie anführen bzw. die das wollen. Dies sind die Menschen, die an Hierarchie, Ungleichheit und die Idee glauben, dass einige Gruppen an der Spitze stehen sollten, während andere das Fußvolk bilden. Sie dulden nicht nur Ungleichheit. Sie wollen sie. Soziale Dominatoren glauben, dass die Welt ein rücksichtsloser Wettbewerb ist. Fairness ist eine Schwäche. Mitgefühl ist eine Belastung. Was zählt, ist zu gewinnen und sicherzustellen, dass die ‚richtigen Leute‘ die Kontrolle behalten. Das sind keine Verschwörungstheoretiker, die sich in Echokammern verlieren. Es sind Raubtiere, die die Politik der Kränkung als Tarnung nutzen. Personen mit hohen SDS-Werten sind manipulativ, machthungrig und kaltblütig. Sie weisen hohe Werte für Machiavellismus, Narzissmus und Psychopathie auf. Sie lügen, betrügen und beuten andere aus, um Status und Kontrolle zu erlangen, und sie tun dies mit einem Lächeln. Kommt Ihnen das bekannt vor?“

Naturgemäß sind es gerade Menschen mit hoher Ausprägung in SDS, die in Gruppen stärker auffallen und den Ton angeben. Menschen mit hohen SDS-Werten sind in „MAGA-Kreisen (…) die lautesten Stimmen im Raum, es sind die, die die Grausamkeit vorantreiben. Sie fordern Massendeportationen, entmenschlichen Einwanderer, verhöhnen Behinderte und bejubeln autoritäres Durchgreifen. Als Trump Einwanderer als „Tiere“ bezeichnete, lachten sie. Als er drohte, politische Gegner ins Gefängnis zu stecken, applaudierten sie. Für sie war das nicht schockierend. Es war Strategie.
(…)
Im Kern geht es bei der SDS um eines: den Anspruch auf Macht. Nicht um verdiente Macht. Nicht um moralische Macht. Einfach nur brutale Herrschaft. Und wenn sich diese Personen mit autoritären Anhängern zusammentun, entsteht etwas viel Schlimmeres als Polarisierung. Man erhält eine politische Bewegung, die Unterwerfung und Kontrolle will. Eine Basis, die Befehle befolgen will, und eine Führung, die sie ausnutzen will. Es handelt sich nicht um eine traditionelle Partei, sondern um eine psychologische Maschine, die von Angst, Hierarchie und dem Glauben angetrieben wird, dass Demokratie nur gut ist, wenn die ‚richtigen Leute‘ gewinnen“.

4. “Double Highs”: wenn Autoritarismus auf Soziales Dominanzstreben trifft
Wenn es sich bei RWA und SDS um unabhängige Variablen handelt, dann ist klar, dass es außer Menschen mit hohen RWA und niedrigen SDS-Werten auch solche geben wird, bei denen beide ausgeprägt vorliegen. „Double Highs are the most dangerous people in a democracy.” Warum? “Bob Altemeyer hat diese Gruppe jahrelang verfolgt. In seinen Simulationen waren sie nicht nur aggressiv oder gehorsam, sondern rücksichtslos, manipulativ und durch und durch autoritär. Sie wollten Macht, nahmen sie sich, und bestraften jeden, der sie in Frage stellte.
Noch beunruhigender ist, dass Double Highs dazu neigen, charismatisch zu sein. Sie wissen, wie sie die Loyalität einer Gruppe manipulieren können, insbesondere bei autoritären Anhängern. In den Simulationen übernahmen sie oft die Macht, ohne gewählt worden zu sein, inszenierten interne Putsche oder übernahmen die Kontrolle durch emotionale Erpressung und Dominanzausübung. Und sobald sie an der Macht waren, ging es ihnen nicht darum, die Gruppe zu schützen, sondern sie nutzten sie für ihre eigenen Ambitionen“.
Auch hier drängt sich die Frage auf: kommt einem das bekannt vor?

5. Bedingtes Denken („motivated reasoning”) und kollektiver Narzissismus
Das hier als „bedingtes Denken“ übersetzte  motivated reasoning stellt einen Prozess dar, bei dem das Denken nicht der Erkenntnis (Wahrheitsfindung) dient, sondern unter der Fuchtel emotionaler Bedürfnisse (Bedingungen) steht. Es ist eine Art der Informationsverarbeitung, bei der die „Menschen selektiv Informationen annehmen oder ablehnen, die mit ihrer Identität oder ihren Wünschen übereinstimmen, nicht mit der Wahrheit“.

Diese Art der Informationsverarbeitung zur Stabilisierung von (höherwertigen) Emotionen macht sich auch dabei bemerkbar, wie mit Dissonanz umgegangen wird. Hier sei ein Mechansimus am Werke, der mit bloß falsch Informiert sein überhaupt nicht passend adressiert ist.  Denn es geht hier „nicht nur darum, falsch informiert zu werden, sondern auch darum, Korrekturen abzulehnen, selbst wenn die Wahrheit präsentiert wird.“ Dann kommt es im Gegenteil zu einem als „double down“ bezeichneten jetzt-erst-recht Festhalten an der eigenen Sichtweise (jenseits der Fakten). „Je autoritärer die Persönlichkeit, desto wahrscheinlicher ist es, dass dieser Effekt eintritt, weil die Annahme einer Korrektur bedeuten würde, dass die Loyalität gegenüber den Führern oder der Gruppe in Frage gestellt wird.“

Neben dem bedingten, übergeordnete emotionale Werte schützenden Denken kennzeichnet „der kollektive Narzissmus“ die mit ausgeprägten Ressentiments bewehrten MAGA-Anhänger. Hierbei handelt es sich um einen „übersteigerten Glaube an die Größe der eigenen Gruppe, gepaart mit einer Überempfindlichkeit gegenüber Kritik“. Menschen mit ausgeprägten Werten für kollektiven Narzissmus fühlten sich durch andere Sichtweise, die mit den eigenen emotionalen Voraussetzungen nicht kompatibl scheinen, sogleich geradezu beleidigt oder angegriffen.

„In MAGA-Kreisen kommt dies voll zum Tragen. Trump ist für sie nicht einfach nur ein Politiker, er ist die Verkörperung ihrer Identität. Wenn er also lügt oder gegen Normen verstößt, wägen seine Anhänger die Fakten nicht ab. Sie suchen nach Rechtfertigungen. Sie verdrehen die Realität, um ihn in ihren Köpfen rein zu halten. Sie brauchen nicht ausdrücklich gesagt zu bekommen, was sie glauben sollen; ihre Psychologie leitet sie bereits dazu, die Gruppe um jeden Preis zu schützen. Das ist kein Irrtum. Es ist eine Eigenschaft.
Das erklärt, warum MAGA-Anhänger oft jede Kritik als ‚Fake News‘ bezeichnen, Gegner als Staatsfeinde abstempeln und andere genau der Dinge bezichtigen die in Wahrheit ihre Seite gerade tut. Das ist nicht nur Propaganda, sondern eine emotionale Bewältigungsstrategie, die von dem Bedürfnis getrieben wird, Identität und Zugehörigkeit zu bewahren. Sie sind nicht an der Wahrheit interessiert. Sie sind daran interessiert, den eigenen Stamm zu verteidigen.
(…)
Bedingtes Denken und kollektiver Narzissmus bilden zusammen eine fast undurchdringliche Hülle. Fakten prallen ab. Korrekturen schlagen fehl. Je mehr die Ungleichheit wächst, desto mehr wendet sich MAGA dem Autoritarismus zu, um den Schmerz weg zu erklären und jemand anderen dafür verantwortlich zu machen.“

6. Was MAGA beklagt, ist real, aber durch eine Linse gefiltert
„Was die MAGA-Bewegung gefährlich macht, ist die Art und Weise, wie diese Missstände interpretiert werden, wie sie gefiltert werden durch psychologische Linsen, die durch rechten Autoritarismus (RWA), soziales Dominanzstreben (SDS) und durch kollektiven Narzissmus verzogen sind.
Wenn Menschen mit hohen RWA-Werten mit Schwierigkeiten konfrontiert sind, schauen sie nicht nach innen und neigen auch nicht dazu, Systeme zu analysieren. Stattdessen suchen sie nach Gewissheit, Unterwerfung und Sündenböcken. Dieser Impuls ist nicht zufällig, sondern die psychologische Funktion von RWA: die Verringerung von Unsicherheit durch die Identifizierung von Feinden und das Festhalten an starken, strafenden Führern.“

„Die Verschmelzung von Überlegenheit und Opferrolle verwandelt den Unmut in Paranoia.“

Schlussfolgerungen von TRL
„Die von der MAGA-Psychologie ausgehende Bedrohung ist nicht nur politisch, sondern auch strukturell. Die von rechtem Autoritarismus (RWA) und sozialem Dominanzstreben (SDS) konditionierten Köpfe haben nicht nur schlechte Meinungen. Sie sind psychologisch so konstruiert, dass sie Systeme von Dominanz, Unterwerfung, Missgunst und Ungleichheit verstärken.

Die Geschichte des Autoritarismus lehrt uns, dass diese Köpfe sich nicht korrigieren lassen. Sie brauchen eine Gesellschaft, die sie kontrolliert, sie einschränkt und ihrer Ideologie die Legitimität nimmt. Wenn wir das nicht tun, werden ihre psychologischen Bedürfnisse weiterhin unsere kollektiven Bedürfnisse überlagern. Sie werden gegen das Gesundheitswesen, die Bildung, die Umwelt und die Gleichberechtigung stimmen, nicht weil sie böse sind, sondern weil ihnen Angst und Ordnung wichtiger sind als Fairness und Wahrheit.

Und wieder einmal werden sie die Zivilisation zurückwerfen, wie schon zuvor. Nicht in einer feurigen Revolution, sondern mit dem stummen Gehorsam von Massen, die im gleichmäßigen Takt von ‚Ordnung‘, ‚Tradition‘ und ‚wie es sein sollte‘ marschieren.

Die Warnung ist einfach: Wenn man dem Autoritarismus nicht Einhalt gebietet, solange er sanft und wahnhaft ist, wird man später mit ihm konfrontiert werden nämlich, wenn er brutal und unverfroren ist.“

Anmerkungen und Kommentar
Ich denke, dass die vor allem auf den Analysen und Erkenntnissen von Altemeyer beruhenden Ausführungen von TLR zu den aktuellen politischen Prozessen in den USA hilfreich sind, um ansonsten schwer verständliche, widersprüchliche und „irrational“ erscheinende Phänomene besser zu begreifen.

Wie so oft, besteht aber auch hier eine beträchtliche Differenz zwischen der Eleganz und Eloquenz der Analyse einerseits und den eher dürren, zum Teil unplausibel erscheinenden Schlussfolgerungen und praktischen Konsequenzen andererseits.

Denn, gesetzt den Fall, dass die jeweiligen Erkenntnisse und Aussagen zutreffen und ein „strukturelles“, und nicht bloß politisches Problem vorliegt, wie TRL beklagt, was fangen wir dann an mit der Feststellung, dass „man sicherlich keine funktionierende Demokratie aufbauen (kann), wenn 30-40 % der Bevölkerung Gleichheit als Angriff und Mitgefühl als Schwäche interpretieren“? Wo soll man mit diesen 30-40% Bürgern dann abbleiben?

Es stimmt ja, dass es viel leichter ist, gegen eine autoritäre politische Maschine anzukommen, wenn diese noch nicht alle Schalthebel der Macht in Händen hält. Aber wie soll das gesellschaftliche Einhalt gebieten aussehen, das TRL meint, wenn er schreibt, dass die autoritär aufgeputschten Massen „eine Gesellschaft (brauchen), die sie kontrolliert, sie einschränkt und ihrer Ideologie die Legitimität nimmt“? Wie soll eine wirksame „Kontrolle“ und „Einschränkung“ aussehen, die nicht zugleich die Kriterien der Demokratie und der in ihr kultivierten Werte verletzt, zu deren Schutz diese Kontrolle und Einschränkung der autoritären, populistischen Bewegung nötig ist?

Innerhalb der Politischen Psychologie wurde und wird auch darüber gestritten, wie der Autoritarismus konzeptuell angemessen zu fassen ist. Früher und zumal zu Zeiten von Adorno und Mitarbeitern war die Vorstellung etabliert, dass es sich beim Autoritarismus um ein dauerhaftes (Charakter-) Merkmal handelt – womöglich auch eines mit einer genetischen (bzw. biologischen) Komponente, wenn man bedenkt, dass die Neigung einer Person, aversiv auf unangenehme Gerüche zu reagieren, stark mit Autoritarismus zu kovariieren scheint.
Gleichwohl erscheint mir eine dynamische Konzeption plausibler, die Autoritarismus also als eine an spezifische Kontextbedingungen gebundene Reaktionsweise des Individuums begreift. Dass es also gewissermaßen eine Disposition ist, deren Aktualisierung an Kontexte gebunden bleibt. Eine solche Sicht wird auch von TRL in seinen Texten zu Grunde gelegt. Auch aus evolutionspsychologischer Sicht würde eine kontextgebundene Konzeption plausibler sein, wie es in der Regality theory anklingt, die autoritäre Neigungen als effiziente(re) Strategien in Zeiten kollektiver Not deklariert, und das Wechselspiel von autoritären und offenen Gesellschaften mit deren jeweiligen Zuständen (Krise versus Prosperität) in Zusammenhang bringt.

Wie auch immer man es dreht: es wird aus den Ausführungen jedenfalls unmittelbar evident, dass die autoritär und durch Angstbotschaften verdrehten Köpfe nicht dadurch wieder für rationale Argumente gewonnen werden können, dass man die Angst für nichtig oder unwichtig erklärt und dafür dann entsprechende Fakten präsentiert. Im Gegenteil, die tiefe Verunsicherung und Angst ist schon mal Fakt, aber die populistische Kanalisierung/Bewirtschaftung hin zu Themen und vermeintlichen Ursachen, die – im Unterschied zu den wahren Gründen – einfach zu begreifen und gut sichtbar sind, wie zum Beispiel „Fremde“ im eigenen Land, die gilt es zu knacken.

Wer diese gewollte Kanalisierung von Ängsten hin zu „aggressivem Kollektivegoismus“ überwinden will, der laut dem deutschen Historiker Imanuel Geiss den gemeinsamen Kern aller Arten von Rassismus bildet, zu dem auch Autoritarismus immer tendiert, der wird den Spagat hinbekommen müssen, die auf Egoismus bezogenen Ängste (nämlich die als bedroht erlebten eigenen Bedürfnisse und Interessen) einerseits anzuerkennen, ohne dabei die berechtigten Interessen der Anderen zu negieren. Eine den Rassismus überwindende Haltung und Politik, schreibt Geiss am leider sehr schmalen Schluss seiner „Geschichte des Rassismus“, muss „die Vielfalt der Menschheit in ihrer grundsätzlichen Einheit anerkennen. Das erfordert Toleranz und Relativierung der eigenen als absolut gesetzten Werte und Maßstäbe“ (I. Geiss, S. 324).

Optimismus ist bei dieser Aufgabe fehl am Platze. Immerhin wurde der historische Faschismus ja gerade nicht demokratisch überwunden, die verdrehten Köpfe wurden also nicht überzeugt, sondern militärisch besiegt.

Quellen und wichtige Literatur zum Thema

  • Altemeyer, Bob (1981) Right-wing authoritarianism. Winnipeg, Manitoba, CA: University of Manitoba Press
  • Dean, John &  Altemeyer, Bob (2020) Authoritarian nightmare. Trump and his followers. Brooklyn: Melville House
  • Keenan, Oliver & Zavala Agniecka G. (2021) Collective narcissism and the weakening of American democracy. Analyses of Social Issues & Public Policy, Vol. 21: S. 237-58.
  • Jost, J.T., Glaser, J., Kruglanski, A.W., & Sulloway, F.J. (2003) Political conservatism as motivated social cognition. Psychological Bulletin, Vol. 129 (No. 3): S. 339–75.
  • Moffitt, Benjamin (2016) The Global Rise of Populism: Performance, Political Style, and Representation. Stanford: University Press.