In Februar 2026 wird das Buch Keine Zeit für Apathie, keine Zeit zu schweigen im Dietz-Verlag erscheinen. Zu diesem Buch habe ich in dieser Woche für den Kulturkompass M-V eine Buchbesprechung verfasst. Sie ist hier in etwas ausführlicher Fassung und ergänzt um eine persönliche Einordnung und Kritik zu lesen.
Das Buch, eine Sammlung von Texten unterschiedlicher Autoren, fokussiert inhaltlich auf die unübersehbare Krise der liberalen Demokratie, insbesondere im Zuge des erstarkenden Rechtspopulismus in Deutschland, aber auch in anderen demokratisch verfassten Ländern.
In der ankündigenden Korrespondenz des Verlags hieß es zu diesem Buch (etwas vollmundig), es mache „Mut, sich einzumischen, eigene Ideen einzubringen und Verantwortung zu übernehmen“. Dafür analysiere es autoritäre Tendenzen in der Gesellschaft und versammele „ermutigende Beispiele, wie Demokratie vor Ort gelebt wird“. So sollen auch praktische Wege aus „der politischen Lähmung“ aufgezeigt werden, wobei sich das Buch „an Menschen – gerade auch Jugendliche – (richtet), die nicht nur lamentieren, sondern Einsatz zeigen wollen für eine liberale, offene Gesellschaft“.
Während sich vielerorts ein Gefühl breit macht, angesichts deprimierender, zuweilen katastrophaler Weltnachrichten in Privatismus abzutauchen und diesen mit dem Verweis darauf zu rechtfertigen, dass der Einzelne „eh nichts bewirken kann“, geht es dem Herausgeber mit diesem Buch also umgekehrt darum, wachsam zu bleiben und sich einzumischen.
Das Buch beinhaltet 23 Texte unterschiedlicher Autoren, die in drei Kapiteln gegliedert sind. Ein weiterer Text, über den am Schluss noch zu sprechen sein wird, bildet „statt eines Vorworts“ den Anfang. Das erste Kapitel mit der Überschrift „Alles kann passieren“ hat mit 130 Seiten deutlich größeren Umfang als die beiden anderen Kapitel zusammengenommen (80 Seiten). Es bezieht sich auf die Analyse der Krise und auf die Abgründe, die ein Abgleiten in Autoritarismus darstellen würde. Das zweite Kapitel („Ich stehe hier, laut und wütend“) enthält überwiegend Beiträge mit deutlich subjektiver Tönung, darunter einer mit Texten von Schülerinnen und Schülern aus der Sekundarstufe II eines Gymnasiums in Niedersachsen, die in einem Projekt zu folgender Leitfrage Stellung beziehen sollten: „Die Demokratie braucht dich. In welcher Weise möchtest du dich für die Demokratie einsetzen?“. Das dritte Kapitel, betitelt als „Ein Versprechen, das Mutlosigkeit und Lähmung überwinden hilft“, enthält Beiträge, die auf die konkrete Handlungsdimension verweisen. Es ist insoweit eigentlich das wichtigste Kapitel und besteht aus fünf Texten. Sie sollen nachfolgend mindestens in ihren inhaltlichen Akzenten angedeutet werden.
Was getan werden kann und sollte
Der Satz über das „Versprechen, das Mutlosigkeit und Lähmung überwinden hilft“, entstammt dem ersten Text1 von Sybille Thelen, Politikwissenschaftlerin und Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Wie man es bei dieser Autorin nicht anders vermuten würde, fokussiert sie ihren Beitrag auf die elementare Bedeutung, die der politischen Bildung im „Jahrhundert der Komplexität“ zukomme. Im zweiten Beitrag2, aus meiner Sicht der beste in der ganzen Sammlung, plädiert der Journalist und Schriftsteller Jürgen Wiebicke für eine lebendigere und offenere Streitkultur. In homogenisierten Meinungsblasen – egal welcher Couleur – werde die Demokratie nicht wiederbelebt werden können. Rainald Manthe, Soziologe und im Vorstand der spendenfinanzierten Stiftung Bildung, macht im dritten Text3 auf die Bedeutung von Begegnungen der Menschen aufmerksam, die dafür auf entsprechende Orte angewiesen sind. Solche „Alltagsorte des sozialen Zusammenhalts“, etwa ein öffentliches Freibad, seien unverzichtbare Bestandteile einer lebendigen Demokratie. Auf den herausragenden Wert bürgerschaftlichen Engagements, also des persönlichen Einsatzes für andere bzw. die Gemeinschaft, macht die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann im vierten Text4 aufmerksam. Unter dem Titel der „Helden und Heldinnen des Gemeinsinns“ wird an ausgewählten und teils gut bekannten Beispielen (z.B. die Bewegung der Tafeln) aufgezeigt, dass von einzelnen engagierten Bürgern initiierte Projekte ein herausragendes Gewicht bekommen können. Den Abschluss des Kapitels bildet ein Text5 von Gesine Schwan, die 2004 und 2009 für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte, in welchem sie die Bedeutung von Bürgerräten als Ergänzung und Korrektiv parlamentarischer Demokratie aufzeigt. Sie erklärt, worauf es bei der Besetzung und Funktionsweise solcher Räte entscheidend ankommt.
Sechs der 24 Beiträge wurden bereits anderen Orts publiziert, das Gros also für dieses Buch verfasst.
Der Herausgeber Harald Roth, Jahrgang 1950, hat bereits diverse Publikationen zur NS-Zeit vorgelegt, darunter eine Auswahl für junge Leser bzw. für den Schulunterricht aus den berühmten Tagebüchern Viktor Klemperers. Roth ist zudem Mitglieds des Vereins „Gegen das Vergessen – Für Demokratie“, dessen Zentralmotiv auch die Kernbotschaft des vorliegenden Buchs ist, nämlich dass Demokratie wichtig, aber nicht selbstverständlich ist. Dass es also des bürgerschaftlichen Engagements zwingend bedarf.
Manche der Autoren sind als prominente Intellektuelle ausgewiesen und bekannt, etwa die Historiker Winkler und Benz, die eben bereits erwähnte Politikwissenschaftlerin Schwan und die Kulturwissenschaftlerin Assmann. Zwei Drittel der in dem Band versammelten Autoren sind als Akademiker einzustufen, haben oder hatten oftmals eine Professur. Dennoch weist das Buch schon durch die große Zahl der Autoren, die jeweils mit Textbeiträgen im Umfang von 4 bis 15 Seiten vertreten sind, eine erfreuliche Vielfalt von Schreibstilen auf. Insofern ist es nicht schwierig, mindestens den einen oder anderen Beitrag zu finden, den man als „richtig lohnend“ erleben wird.
Ob das Buch seinem Anspruch gerecht werden kann, gerade Jugendliche anzusprechen, darf allerdings sehr bezweifelt werden. Weder scheint dafür das Medium besonders naheliegend, noch die Art der Texte, zumal gerade mit Blick auf Jugendliche negativ auffällt, wie knapp die Ausführungen zum „Was tun?“ ausfallen im Vergleich zu denen, die den problematischen Status Quo ausleuchten. Dem Ziel der Ansprache gerade von Jugendlichen dürfte zudem nicht förderlich sein, dass keiner der Autoren nach dem Jahr 2000 geboren wurde (und die erwähnten Schüler-Autoren im Verzeichnis der Autoren unerwähnt bleiben).
Kritische Ergänzung
Interessant und aufschlussreich ist, dass keiner der im wichtigen dritten Kapitel aufgeführten Texte auch nur annähernd heranreicht an die Ebene der Kritik und Analyse, die im ersten Text des Bandes formuliert wird. Der nämlich wurde „statt eines Vorworts“ aufgenommen und besteht aus Textfragmenten des 1941 von Erich Fromm veröffentlichten Buchs „Escape from Freedom“. Ihm zufolge stehe die liberale Demokratie auf unsicherem, wenn nicht perspektivisch auf verlorenem Posten, wenn nicht auch die wirtschaftliche Säule der Gesellschaft demokratisch gestaltet werde, die ja bekanntlich im Kapitalismus dem Volks- bzw. Mehrheitswillen weitgehend entzogen ist. „Das einzige Kriterium für die Verwirklichung der Freiheit ist, ob der einzelne Mensch aktiv sein Leben und das der Gesellschaft mitbestimmt oder nicht, und das nicht nur durch den formalen Akt der Wahl, sondern bei seiner täglichen Arbeit und in seinen Beziehungen zu anderen. Wenn sich die moderne politische Demokratie auf die rein politische Sphäre beschränkt, so kann sie den Folgen der wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit des Durchschnittsbürgers nicht entgegenwirken“ (S. 10, Hv. G.U.).
Im Vergleich zu dem hier anklingenden Anspruch, dass Freiheit erst erlangt wird, wenn eine demokratische Gestaltung auch des Wirtschaftsprozesses erfolgen kann, und dass es gefährliche Rückwirkungen auf die Stabilität solcher Demokratien hat, wenn das Wirtschaftsleben und dessen gesellschaftliche Folgen aus der demokratischen Willensbildung ausgeklammert bleiben, wie es für die kapitalistisch verfassten Demokratien charakteristisch ist, gemessen an diesem Argument also, nehmen sich alle in der Textsammlung vertretenen Vorschläge zur „Stärkung“ der Demokratie und des Glaubens an ihre Gestaltungsmacht wie Reförmchen aus, die nur mit Mühe ein „Versprechen“ erkennen lassen, „Mutlosigkeit und Lähmung überwinden“ zu können. Insbesondere wird keine der in der Textsammlung angesprochenen Optionen jene Dimension der aktuellen Systemkrise tangieren können, die exakt mit dem von Fromm angesprochenen Dilemma verbunden ist. Zwar dürfen die Menschen wählen, aber die das gesellschaftliche Leben maßgeblich bestimmenden Weichenstellungen finden ohne sie statt. Wurde, um ein aktuelles Beispiel zu bringen, je gesellschaftlich darüber diskutiert und entschieden (abgestimmt), ob wir eine flächendeckende Digitalisierung unseres Lebens haben wollen, von der nun bevorstehenden Durchdringung durch Künstliche Intelligenz ganz zu schweigen? Solche umwälzenden Veränderungen finden einfach statt und werden vorangetrieben durch Interessen, die nicht demokratisch eingebunden sind.
Im selben Kontext, nämlich der Aushöhlung der Strahlkraft liberaler Demokratie, wenn diese den Bereich des Wirtschaftens systematisch ausspart, sei auch angemerkt, dass der in diesem Blog bereits vorgestellte Politologe Ingolfur Blühdorn in seiner kritischen Analyse des Niedergangs liberaler Demokratie in gewisser Weise das Urteil des eben zitierten Erich Fromm bestätigt. Bezugnehmend auf die soziologischen Analysen Ulrich Becks schreibt Blühdorn, dass dieser in den 1980er Jahren gehofft hatte, dass die damals stattfindende Demokratisierung und Modernisierung der Gesellschaft in einem späteren Schritt unweigerlich auch den Bereich des Wirtschaftens erfassen würde. Dem war aber nicht so. Vielmehr sei, so die Analyse von Blühdorn, die Modernisierung der Gesellschaft in einer ganz anderen Weise vorangeschritten. Es habe stattdessen eine mit dem Konsumkapitalismus hoch kompatible Form der fortwährenden Individualisierung der modernen Gesellschaft stattgefunden, deren Ende wir mit dem Niedergang des, wie Blühdorn schreibt, „öko-emanzipatorischen Projekts“ in den westlichen liberalen Demokratien gerade beobachten können. Seine Analyse kulminiert in der Erwartung, dass die liberale Demokratie aus inneren Widersprüchen und Defiziten an ihr Ende gekommen sei und früher oder später durch ein autokratisches System mutmaßlich chinesischer Prägung ersetzt werden wird.
- „Demokratische Diskurse im ‚Jahrhundert der Komplexität‘“ (S. 193-202 ) ↩︎
- „Den Maschinenraum der Demokratie betreten“ (S. 203-213) ↩︎
- „Demokratie braucht Begegnung“ (S. 214-219) ↩︎
- „Helden und Heldinnen des Gemeinsinns“ (S. 220-233) ↩︎
- „Kommunale Entwicklungsbeiräte: wirksame Bürgerbeteiligung stärkt die Demokratie“ (S. 234-241) ↩︎