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Prof. Dr. med. Gratiana Steinkamp
Dipl.-Psych. Dr. Gerald Ullrich

Bei Covid-19 erkrankt nicht nur die Lunge

asd

Krankenhausärzte haben schon vor Monaten beobachtet, dass das neue Coronavirus nicht nur die Lunge befällt. Vielmehr sind häufig auch Niere, Herz, Nervensystem und andere Organe beteiligt. Dadurch ist die Behandlung von schwer erkrankten Menschen eine besondere Herausforderung. Eine Arbeitsgruppe aus den USA fasste jetzt in einer hervorragenden Übersichtsarbeit [1] das Wissen zur Beteiligung anderer Organsysteme zusammen.

Coronaviren infizieren zunächst die Atemwege. Dabei docken sie mit Hilfe ihrer »Stachelproteine« an die Schleimhaut in Nase, Rachen oder Lunge an. Als Bindungsstelle nutzen sie eine spezielle Struktur auf der Oberfläche der Schleimhautzellen, den ACE2-Rezeptor. Dieses Molekül ist nicht nur in den Atemwegen vorhanden, sondern auch in vielen anderen Geweben des Körpers. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass neben der Lunge auch weitere Organsysteme miterkranken. Außerdem reagiert das Immunsystem bei der Abwehr des Virus manchmal überschießend und löst dabei Reaktionen im Körper aus, die für lebenswichtige Organe belastend sind. An starken Entzündungsprozessen ist zudem die Gefäßinnenhaut der kleinsten Blutgefäße mitbeteiligt. Dabei können Blutgerinnsel entstehen, die die Durchblutung von Organen beeinträchtigen. Forscher vermuten, dass sowohl das Virus selbst als auch die Reaktion des Immunsystems auf die Infektion dafür verantwortlich sind, dass bei Covid-19 unterschiedliche Organe erkranken.

Im Blut sind Immunzellen und Blutgerinnung bei Corona-Infektion häufig stark verändert. So sind bei mehr als zwei Dritteln der Patienten die Lymphozyten erniedrigt, das sind weiße Blutkörperchen, die an der zellulären Immunantwort des Körpers beteiligt sind. Häufig ist die Blutgerinnung erhöht, so dass sich leichter Blutgerinnsel bilden. Dadurch entstehen bei etwa 30 % der Betroffenen Thrombosen, die als Blutpropf die Adern verstopfen. Sie äußern sich als Lungenembolie, Schlaganfall oder Herzinfarkt. Thrombosen traten bei 20 % der Patienten in Italien und Frankreich sogar trotz einer medikamentösen Vorbeugung auf.

Das Herz kann sowohl direkt durch das Virus als auch indirekt geschädigt werden. Bei 20 bis 30 % der Krankenhauspatienten mit Covid-19 erkrankte der Herzmuskel oder die Pumpleistung des Herzens war verringert. Davon waren Patienten mit vorbestehenden Herz- oder Gefäßerkrankungen häufiger betroffen. Dementsprechend sind Herzinfarkte und Minderdurchblutungen des Herzmuskels mögliche Komplikationen bei Covid-19. Nicht selten beobachtet man Störungen des Herzrhythmus, die sogar lebensgefährlich werden können.

Bei Covid-19 ist die Niere häufig mitbeteiligt. In New York trat bei einem Drittel der stationären Patienten ein akutes Nierenversagen auf, das bei 14% so ausgeprägt war, dass sie an die Dialyse mussten. Noch häufiger ist Nierenversagen bei intensivmedizinisch behandelten Patienten. Leichtere Veränderungen der Nierenfunktion, wie zum Beispiel eine erhöhte Eiweißausscheidung im Urin, fand man bei 87% dieser kritisch kranken Patienten.

Funktionsstörungen der Leber findet man bei etwa jedem fünften Patienten, insbesondere bei schwerer Erkrankung. Dies dürfte zum Teil auch medikamentös bedingt sein, da die Leber als wichtigstes Stoffwechselorgan des Körpers viele Medikamente abbaut.

Gehirn und Nervensystem können bei Covid-19 auf verschiedene Art miterkranken. Etwa ein Drittel der Patienten erlebt mindestens eines der Symptome Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit oder Muskelschmerzen. Viele Betroffene bemerken, dass sie nicht mehr gut riechen oder schmecken können. Tatsächlich enthält die Nasenschleimhaut besonders viele ACE2-Rezeptoren, an die das Virus andockt. Als gefährliche Komplikationen am Nervensystem wurden Entzündungen des Gehirns oder der Gehirnhaut beschrieben, akute Schlaganfälle oder eine schwere Entzündung des peripheren Nervensystems, das Guillain-Barré-Syndrom.

Ein vorbestehender Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) erhöht das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. In China beobachteten Ärzte bei 4% der Klinikpatienten ohne bekannten Diabetes erhebliche Störungen des Blutzuckerstoffwechsels.

Magen und Darm können bei Corona-Infektion ebenfalls Beschwerden verursachen. Amerikanische Patienten berichteten über Appetitlosigkeit (35%) Durchfall (34%), Übelkeit oder Erbrechen (26%). Diese Störungen sind unangenehm, aber nicht lebensgefährlich.

Schließlich wurden bei Corona-Infektion unterschiedliche Hauterscheinungen beobachtet, wie Hautausschlag, Quaddeln oder Bläschen. Selten sind bläuliche Schwellungen der Haut am Zeh, die wie eine Frostbeule aussehen und meist nach einer Woche wieder selbstständig abheilen.

Die Übersichtsarbeit beinhaltet zusätzlich zur Darstellung der Organkomplikationen auch Empfehlungen zur Therapie, und sie führt die wichtigsten wissenschaftlichen Fragestellungen auf, die Forscher noch bearbeiten müssen.

Zusammengefasst löst die Corona-Infektion nicht nur eine schwere Lungenerkrankung aus, sondern sie kann auch andere Organsysteme schädigen. Daher hat eine Expertengruppe [2] bereits vorgeschlagen, von einer Multi-Organerkrankung zu sprechen. Die vielfältigen Komplikationen müssen bei der Behandlung der Patienten mit überwacht und gegebenenfalls behandelt werden. Mehr und mehr zeigt sich auch, dass manche Patienten nach durchgemachter Krankheit mit längerfristigen Beeinträchtigungen zu kämpfen haben.

Nichtsdestoweniger darf man nicht aus dem Auge verlieren, dass nur ein Teil der Patienten von einem komplexen Covid-19 Verlauf betroffen sind. Vielmehr erkranken die meisten und insbesondere die jüngeren Menschen nur leicht am SARS-CoV-2 Virus, manche sogar so leicht, dass sie ihre Infektion gar nicht bemerken.

Quellen
[1] Gupta, Aakriti et al. (2020): Extrapulmonary manifestations of COVID-19. In: Nat Med 26 (7), S. 1017–1032. DOI: 10.1038/s41591-020-0968-3 .
[2] Robba, Chiara et al. (2020): Multiple organ dysfunction in SARS-CoV-2. MODS-CoV-2. In: Expert Review of Respiratory Medicine 15, S. 1–4. DOI: 10.1080/17476348.2020.1778470 .

2 Comments

  1. Gerald Ullrich

    17. Juli 2020 at 21:36

    Der Link zu der referierten Originalarbeit lautet
    https://www.nature.com/articles/s41591-020-0968-3
    GU

  2. Liebe/r Blogger*in,

    Dieser Artikel ist laienverständlich, aber mit aller wissenschaftlichen Sorgfalt und soliden Quellenhinweisen geschrieben. Ich fühle mich gut informiert, nicht überfrachtet oder beeinflusst. Das ist in Zeiten, in denen Fakten alternativ, aus dem Zusammenhang gerissen, oder fehlinterpretiert sein können, eine Wohltat zu lesen. Das Quellenstudium dazu ermöglicht einen vertiefenden Einblick.
    Ich freue mich darauf den Blog regelmäßig zu erkunden.
    Weiterhin gutes Gelingen.
    Herzliche Grüße
    Brigitte Hirschhausen

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