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Prof. Dr. med. Gratiana Steinkamp
Dipl.-Psych. Dr. Gerald Ullrich

Nach der Krebsdiagnose: Eile ist geboten!

asd

Im Deutschen Ärzteblatt wurde kürzlich von Rüdiger Meyer eine internationale Studie zum Sterberisiko von Krebspatienten zusammenfassend vorgestellt, die von kanadischen und britischen Forschern im letzten Jahr unternommen wurde. Sie erfolgte vor dem Hintergrund, dass medizinisch notwendige Krebstherapien – seien dies Operationen, Chemo- oder Strahlentherapie – verschoben wurden, entweder aus Angst des Patienten vor einer Infektion mit COVID-19 im Krankenhaus oder weil die Krankenhäuser selbst ihre Ressourcen (z.B. die Intensivplätze) mit Blick auf die Pandemie freihalten wollten.

Die Fragen, denen die Forscher durch eine sorgfältige Auswertung (Metaanalyse) in dieser Studie nachgegangen waren, lauteten also: Lassen die bereits vorliegenden Studien zum Sterberisiko von Patienten mit unterschiedlichen Krebserkrankungen eine Aussage zu, ob Zeitverlust zu einer erhöhten Sterblichkeit führt? Wenn ja, welche Krebserkrankungen sind hier vorrangig betroffen? Und in welcher Größenordnung bewegt sich ein solcher Negativeffekt?

Es zeigte sich, dass es Unterschiede zwischen einzelnen Krebserkrankungen sehr wohl gibt, sich der Zeitverzug also je nach Krebserkrankung mehr oder weniger rächt. Solche Effekte betrafen dabei sowohl einen Aufschub der geplanten Operation als auch etwa die verzögerte Einleitung einer Chemotherapie, sei diese vor die OP gesetzt (neoadjuvant) oder auch als nachträgliche Therapie geplant (adjuvant).

Negativeffekte im Sinne einer (um 6 %) erhöhten Sterblichkeit ließen sich bei einer um 4 Wochen aufgeschobenen Operation etwa für Brustkrebs und für Kopf-Hals-Tumoren feststellen, nicht aber bei Lungenkrebs. Negativeffekte einer verzögerten neoadjuvanten Therapie stellte man bei Blasen- und Brustkrebs fest, bei Darmkrebs für die verspätete Anwendung der adjuvanten Chemotherapie.
Mit Blick auf Großbritannien hätten die Forscher, so Rüdiger Meyer in seiner kompakten Zusammenfassung, auch berechnet, dass eine Verzögerung der Operation bei Brustkrebs um 12 Wochen zu einer Steigerung der Sterblichkeit um 26 % führen würde. Umgerechnet auf die Fallzahlen der Brustkrebspatientinnen in Großbritannien würde dies 1400 zusätzliche Todesfälle bedeuten.

Ich weiß nicht, wie es anderen Lesern bei diesen Ergebnissen gehen mag: Sind die durch Verzögerung bedingten Effekte nun erstaunlich oder eher wie erwartet?
Mir ging es bei der Lektüre dieser Nachricht im Ärzteblatt so, dass ich eigentlich erschrocken war über deren Größe. Und während für manche Ärzte in der Onkologie die Stoßrichtung der Interpretation dieser Studie vermutlich gegen den (zu) zögerlichen Patienten gerichtet sein mag, wenn der aus Angst vor Ansteckung im Krankenhaus mit COVID (oder aus anderweitigen Gründen) eine Therapieverzögerung verursachen könnte, kann man „den Spieß auch umdrehen“. Denn in der psychoonkologischen Praxis treffe ich regelhaft auf Patienten, die zutiefst besorgt und mitunter empört sind darüber, dass sie wochenlang warten müssen auf ihre OP oder dass die bereits terminierte OP aus unterschiedlichen Gründen abgesetzt und zu einem späteren Zeitpunkt neu angesetzt wird. Das ist nicht nur im letzten Jahr so und also auf die Pandemie beziehbar, sondern habe ich von Anfang an so in Gesprächen mit Krebspatienten erlebt. Das „Verzögern“ von ärztlich empfohlenen Maßnahmen scheint mir im Alltag mindestens „gleich verteilt“ zu sein, mal durch Zögerlichkeit des Patienten begründet, andernfalls bedingt durch Gründe, die im System liegen (Klinik). Was will man diesen Menschen in Zukunft sagen? „Ist nicht so schlimm, Ihr Sterberisiko hat sich nur um 25% erhöht“?

Wenn man diese Studie nicht nur aus der Perspektive der Ärzte liest, die angesetzte Therapie auch durchführen wollen, sondern auch aus der Perspektive der Patienten, dann kann sie noch ordentliches Gewicht bekommen – vielleicht sogar mit Blick auf Regressansprüche.

2 Comments

  1. elkebothe@yahoo.de

    9. Januar 2021 at 9:23

    Erschreckend! Hoffentlich nicht ein gängiges Verfahren in Deutschlands, Schwerin, Kliniken.

    • Liebe Frau Bothe!, Vielen Dank für die Rückmeldung. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: ich habe nicht geschrieben, dass solche brüsken Kommentare den Patienten gegeben würden. Im Gegenteil, das würde niemand laut sagen – und mit ziemlicher Sicherheit werden alle mehr oder weniger ehrlich überzeugt sein, dass es viel weniger dramatisch ist, wenn sich Eingriffe verschieben, als es nach dieser Auswertung den Anschein hat. Ich wollte nur deutlich machen, dass mich geradezu erschreckt hat, in welcher Größenordnung von Beeinträchtigung bzw. Schadenpotential man sich dort offenbar bewegt. Denn es steht für mich ganz außer Frage, dass es gelegentlich und immer wieder zu beträchtlichen Verzögerungen kommt, sei es durch Zögerlichkeit des Patienten, sei es durch Knappheit der Ressourcen, oder sei es durch mangelhafte Bewirtschaftung der knappen Ressourcen, indem organisatorische Pannen auftreten oder dergleichen. Ein „Verfahren“ ist da, dies noch einmal deutlich betont, allerdings nicht am Werke, weder in Schwerin noch in anderen Kliniken, davon bin ich überzeugt.

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