Die aktuelle AHA-Formel beinhaltet, dass man mindestens 1,50 m Abstand von anderen Menschen halten soll, um das Ansteckungsrisiko für eine Corona-Infektion zu verringern. Andere Länder sprechen sogar von 2 m Distanz. Doch wie gut begründet sind diese Empfehlungen angesichts der neuen Erkenntnisse, dass Aerosole bei der Übertragung eine wichtige Rolle spielen?

Eine aktuelle Veröffentlichung aus Oxford, UK, kommt zu einer sehr viel differenzierteren Betrachtung [1]. Die Autoren stellen fest, dass die Abstandsregeln auf veralteten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Coronaviren können in Flüssigkeitströpfchen deutlich weiter als 2 m durch den Raum fliegen, wenn Menschen husten, singen oder laut rufen. Für das Ansteckungsrisiko ist die Distanz dann weniger wichtig.

Wenn Menschen sich treffen, ist vielmehr entscheidend, wie viele Menschen zusammen sind, wie lange sie Kontakt haben, wie gut die Belüftung ist und ob alle Anwesenden eine Maske tragen oder nicht. Auf Basis dieser Gesichtspunkte entwickelten Nicholas Jones und Mitarbeiter ein gut verständliches Ampelschema:

Jones et al. [1], Abbildung 3 ins Deutsche übersetzt

Ansteckungsrisiko: Grün = gering, gelb = mittelgradig, rot = hoch.

Das Schema gilt für den Fall, dass keine der anwesenden Personen irgendwelche Symptome hat. Eine Hochrisiko-Situation wäre beispielsweise der Aufenthalt in einem Club oder in einer Bar, wo viele Menschen über Stunden ohne Maske dicht gedrängt aneinander stehen, laut sprechen und der Raum sehr schlecht belüftet ist. Nur ein geringes Risiko bringen Situationen mit sich, wo sich wenige Menschen draußen treffen.

Diese Überlegungen lassen einen wichtigen Faktor außer Acht, nämlich wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine der anwesenden Personen mit dem Coronavirus infiziert ist. Dafür ist das aktuelle Infektionsgeschehen am Ort entscheidend.

Eine Arbeitsgruppe aus San Francisco hat genau diesen Aspekt aufgegriffen [2]. Die Überlegung lautet, dass das Risiko durch die Person, die man trifft, ebenso bedeutsam ist wie das Risiko in der Situation, in der man sich befindet. Wenn eine Region praktisch virusfrei ist, kann man sich auch in einer »risikoreichen« Umgebung nicht anstecken. Die Autoren haben das Ganze so weit durchdacht, dass sie online ein englischsprachiges Werkzeug zur Berechnung des Risikos zur Verfügung stellen. In einem zusätzlichen Dokument beschreiben sie ausführlich ihre Überlegungen und die Forschungsergebnisse, die jedem einzelnen Berechnungsschritt zugrunde liegen. Übrigens verdanke ich den Hinweis auf diese Webseite der Statistikerin Katharina Schüller, die u.a. gemeinsam mit Gerd Gigerenzer, Walter Krämer und Thomas K. Bauer den Blog „Unstatistik des Monats“ betreibt.

Um mit dem Berechnungswerkzeug aus San Francisco das Personen-Risiko zu berechnen, muss man wissen, wie viele Menschen in der jeweiligen Region in den letzten 7 Tagen neu als Corona-infiziert diagnostiziert wurden. Diese Wochenzahl der Neuinfektionen wird bezogen auf 1 Million Einwohner. In Deutschland kann man für jeden der 412 Landkreise beim Robert-Koch-Institut die 7 Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner abrufen. Multipliziert man diese Zahl mit 10, erhält man die 7-Tage-Inzidenz pro 1 Million Einwohner.

Da Infizierte schon vor Ausbruch ihrer Erkrankung ansteckend sein oder überhaupt keine Symptome entwickeln können, berücksichtigen die Autoren zusätzlich die Dunkelziffer. Für unsere Verhältnisse in Deutschland werden sie mit dem Faktor 6 angeben. Aus der 7-Tage-Inzidenz und dem Dunkelziffer-Faktor resultiert das Personen-Risiko pro 1 Million Einwohner. Diese Messgröße nennen die Autoren MikroCovid.

In der folgenden vereinfachten Tabelle habe ich für zwei Bundesländer und für zwei Städte mit geringem und hohem Infektionsgeschehen die entsprechenden Berechnungen für das Personen-Risiko nachvollzogen:

Man erkennt, dass das Risiko in Würzburg 18-mal höher ist als in Schwerin, mit einer infizierten Person zusammenzutreffen.

Im zweiten Schritt ermöglicht der Online-Rechner, für bestimmte Aktivitäten im Alltag das Ansteckungsrisiko nachzubilden. Wenn sich beispielsweise vier Personen über zwei Stunden lang draußen oder drinnen treffen, können sie das unterschiedlich gestalten: Sie können Abstand halten und sich Masken aufsetzen, oder sie können sich so verhalten, als gäbe es keine Corona-Epidemie.

Für das Aktivitäts-Risiko liefert das Online-Formular diese Ergebnisse:

Das Beispiel zeigt, dass es 16-mal weniger risikoreich ist, sich draußen zu treffen als drinnen, selbst wenn man überhaupt keine Corona-Regeln einhält. Und im Innenraum kann man durch Abstand halten und Maske tragen das Risiko um den Faktor 5 verringern.

Im dritten Schritt wird das Gesamtrisiko für diesen Anlass berechnet, indem das Personen-Risiko und das Aktivitäts-Risiko berücksichtigt werden.

Als Gesamtrisiko des Treffens von 4 Personen ergibt sich für die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern und Bayern je nach gewählter Situation folgendes:

Die Bewertung als geringes oder hohes Risiko beruht darauf, dass die Autoren für sich ein Ansteckungsrisiko von 1 Prozent über ein ganzes Jahr für angemessen halten (zum Vergleich: in den USA wurden bisher mehr als 2 % aller Einwohner als Corona-infiziert diagnostiziert, obwohl erst 8 Monate der Pandemie vergangen sind). Ein Prozent ist gleichbedeutend mit 10.000 MikroCovid. Diese Zahl betrachten die Autoren als ihr »Budget«, das sie innerhalb von 12 Monaten nicht überschreiten möchten. Da jede einzelne Aktivität ein bestimmtes Risiko mit sich bringt, addieren sich alle Aktivitäten zusammen auf. Würde man sich beispielsweise in Bayern nicht mit 4 Personen, sondern mit 25 Personen drinnen „wie vor Covid“ treffen, ergäbe sich ein Gesamtrisiko von 3.000 MikroCovid. Mit einer einzigen Veranstaltung dieser Art hätte man sein »Jahres-Covid-Budget« schon zu fast einem Drittel ausgeschöpft. Die Bewertung wäre daher in diesem Fall »gefährlich hoch«.

All diese Zahlen und Berechnungen beruhen natürlich auf Annahmen. Wie genau diese Annahmen mit der Realität übereinstimmen, ist schwer zu beurteilen. Das ist den Autoren auch bewusst, und sie erläutern selbst ausführlich die Grenzen ihrer Methode. Da der Code offengelegt ist, können andere Experten helfen, die Berechnungsgrundlagen weiter zu verbessern.

Eine alternative Betrachtung wäre zu sagen, dass eine Feier mit 25 Leuten „wie vor Covid“ selbst in Bayern ungefährlich ist, wenn das individuelle Risiko der Ansteckung nur bei 0,3% liegt. In der Tat bringt das Leben viele Risiken mit sich, und manche Aktivitäten sind nun einmal gefährlich. Nicht von ungefähr haben die Autoren ihre Maßeinheit MikroCovid angelehnt an die Maßeinheit Mikromort, die die Wahrscheinlichkeit angibt, bei einer bestimmten Tätigkeit zu sterben. Ein Mikromort ist ein Sterberisiko von eins zu einer Million. Es wird beispielsweise erreicht, wenn man 370 km mit dem Auto fährt oder wenn man einen halben Liter Wein trinkt. Ein Fallschirmsprung entspricht 7 und eine Bypass-Operation am Herzen 16.000 Mikromorts.

Zusammengefasst erlauben das MikroCovid-Werkzeug und das Ampelsystem eine Orientierung, um im Alltag fundiertere Entscheidungen für oder gegen bestimmte Aktivitäten mit anderen Menschen zu treffen. Welches Risiko man dabei eingehen will, was einem wichtig ist und wobei man sich wohl fühlt, muss jeder Mensch selbst entscheiden. Selbst wenn das Gesamtrisiko einer Aktivität klein ist, addieren sich die vielen Aktivitäten mit der Zeit auf. Und letztendlich bestimmt das Verhalten von Millionen einzelner Menschen das Infektionsgeschehen in der Pandemie.

Quellen

1    Jones NRJ, Qureshi ZU, Temple RJ, Larwood JPJ, Greenhalgh T, Bourouiba LB. Two metres or one: What is the evidence for physical distancing in covid-19? BMJ 2020; (370:m3223). Im Internet: https://www.bmj.com/content/370/bmj.m3223

2    Ibasho Community. microCOVID Project. San Francisco (13.9.2020). Im Internet: www.microcovid.org​/​paper/​all; Stand: 13.9.2020