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Prof. Dr. med. Gratiana Steinkamp
Dipl.-Psych. Dr. Gerald Ullrich

Monatelange Beschwerden nach COVID-19 Diagnose – das trifft auch jüngere Menschen

asd

Dass Menschen nach wochenlanger Behandlung auf der Intensivstation noch einige Zeit benötigen, um sich vollständig zu erholen, gilt auch für COVID-19-Patienten. Immer deutlicher wird jedoch, dass auch leicht erkrankte und junge Personen noch Monate nach Krankheitsbeginn nicht wieder ganz gesund sind. Das beeinträchtigt auch ihre Berufstätigkeit und stellt zusätzliche Anforderungen an das Gesundheitswesen. Nicht umsonst hat das englische Gesundheitssystem kürzlich zehn Millionen Pfund bereitgestellt, um diese Langzeit-COVID-Betroffenen besser betreuen zu können.

Die COVERSCANStudie aus England verdeutlicht das Ausmaß des Problems in einer ersten Auswertung, die am 16. Oktober veröffentlicht wurde. Andrea Dennis und Mitarbeiter untersuchten 201 Personen nach Corona-Infektion, von denen 70 % Frauen waren und 31 % im Gesundheitswesen arbeiteten. Die Erhebung umfasste eine körperliche Untersuchung, Labordiagnostik von Blutproben sowie Fragebögen zu Beschwerden und zur Leistungsfähigkeit. Als Besonderheit erfolgte eine umfassende Bildgebung der inneren Organe mit Kernspintomographie (MRT). Damit wurde dokumentiert, ob an Herz, Nieren und anderen Organen Beeinträchtigungen erkennbar waren.

Bei der Auswertung durchschnittlich vier Monate nach COVID-19-Diagnose waren die Teilnehmer im Mittel 44 Jahre alt, 70% waren Frauen. Nur 18% der Patienten waren zu Beginn im Krankenhaus behandelt worden, und nur ein kleinerer Teil war chronisch krank. Dennoch hatten diese relativ jungen „Niedrig-Risiko“-Patienten erheblich mit andauernden Beschwerden zu kämpfen: die allermeisten klagten über anhaltende Müdigkeit mit Erschöpfung (Fatigue, 98%), Muskelschmerzen (88%), Atemnot (87%) und Kopfschmerzen (83%). Die folgende Abbildung zeigt die Häufigkeit der Symptome:

Daten aus Dennis et al., medRxiv 16. Oktober 2020 [1]

Fast alle Befragten, nämlich 99%, berichteten über gleichzeitig vier oder mehr Symptome und 42% sogar über zehn oder mehr. Gut die Hälfte (53%) der Studienteilnehmer hatten zudem Probleme bei üblichen Aktivitäten im Alltag.

Die Bildgebung mit MRT zeigte bei 66% der Patienten Auffälligkeiten in mindestens einem inneren Organ. Am häufigsten beeinträchtigt waren Lunge (33%) und Herz (32%) (Abbildung), wobei die meisten Veränderungen nur gering ausgeprägt waren.

Daten aus Dennis et al., medRxiv 16. Oktober 2020 [1]

Die 37 Patienten, deren initiale Erkrankung in der Klinik behandelt werden musste, zeigten in der MRT häufiger Organbeteiligungen als die ambulant betreuten Patienten. Beide Gruppen hatten jedoch sehr ähnliche Beschwerden.

Noch aussagekräftiger wäre die Studie gewesen, wenn parallel zu den Infizierten auch eine Kontrollgruppe untersucht worden wäre. Denn Beschwerden wie Kopfschmerzen und Müdigkeit kommen auch in der Normalbevölkerung häufig vor.

Eine andere Studie aus England mit dem Namen C-MORE untersuchte 58 COVID-19-Patienten, die zu Beginn im Krankenhaus behandelt werden mussten, davon 12 mit maschineller Beatmung auf der Intensivstation [2]. Hier hatten die Forscherinnen zusätzlich eine Kontrollgruppe von 30 Personen ohne Corona-Infektion untersucht, die in Alter, Geschlecht und Grunderkrankungen vergleichbar mit den Corona-Infizierten waren.

Zwei bis drei Monate nach Erkrankungsbeginn gaben 64% der COVID-19-Patienten fortbestehende Atemnot an, 55% litten unter lähmender Müdigkeit. Diese Symptome waren sehr viel stärker ausgeprägt als bei den Kontrollpersonen. Ein Fragebogen zur Lebensqualität zeigte deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen: COVID-19-Patienten fühlten sich körperlich stärker beeinträchtigt, hatten weniger Energie, nahmen weniger am sozialen Leben teil und klagten über stärkere Schmerzen. Die körperliche Belastbarkeit war bei vielen Betroffenen noch eingeschränkt, ebenso wie ihre Gehstrecke. Psychologische Tests zeigten bei den Erkrankten deutlichere Hinweise auf Angststörungen oder Depression.

Auch in dieser Studie wurden Veränderungen der inneren Organe mit MRT-Bildgebung dokumentiert. Die Lunge zeigte Auffälligkeiten bei 60% der Patienten, aber nur bei 11% der Kontrollpersonen. Auch am Herzen wurden häufig Veränderungen dokumentiert (26%), ebenso wie an Nieren (29%) und Leber (10%) sowie im Gehirn. Je schwerer krank die Patienten zu Beginn gewesen waren, desto häufiger zeigten sie ein Vierteljahr später Organveränderungen in der MRT.

Zusammengefasst zeigen diese aktuellen Forschungsergebnisse, dass viele COVID-19-Patienten nicht nur kurze Zeit krank sind, sondern über Monate Beschwerden haben, die den Lebensalltag gravierend beeinträchtigen. Diese Betroffenen sollten über längere Zeit medizinisch überwacht werden, um Folgeschäden frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Kliniken in Deutschland bieten inzwischen Spezialsprechstunden an, in denen Ärzte verschiedener Fachrichtungen zusammenarbeiten, um Langzeitbetroffene umfassend versorgen zu können. In Reha-Kliniken wurden Programme für Langzeit-COVID-19 Kranke aufgelegt. So ist die Langzeit-COVID-19-Erkrankung nicht nur ein Problem für die Betroffenen und ihre Familien, sondern sie stellt zusätzliche Anforderungen an das Gesundheitssystem, und zwar nicht nur in der akuten Phase der Erkrankung.

Literatur

1        Andrea Dennis, Malgorzata Wamil, Sandeep Kapur et al. Multi-organ impairment in low-risk individuals with long COVID. medRxiv 2020:2020.10.14.20212555.

2        Raman B, Mark Philip Cassar, Elizabeth M Tunnicliffe et al. Medium-term effects of SARS-CoV-2 infection on multiple vital organs, exercise capacity, cognition, quality of life and mental health, post-hospital discharge. medRxiv 2020:2020.10.15.20205054.

1 Comment

  1. Vielen Dank für diesen Artikel, das ist ein noch wenig diskutiertes Problem und ein Grund mehr, die Unverantwortlichkeit beim Herunterspielen der gesundheitlichen Gefahren durch Covid-19 Erkrankungen herauszustellen. Es ist für mich beeindruckend, wie viele Menschen (ohne ausreichende Kenntnis der Fakten) die Folgen der Corona Epidemie verleugnen. Und dieses Verhalten zeigen nicht nur Anhänger von Verschwörungstheorien: der Präsident der Bundesärztekammer behauptete im TV, es gäbe keine Evidenz für den Nutzen von Masken. Offensichtlich hatte er sich mit der inzwischen vorliegenden Evidenz gar nicht beschäftigt und musste nach massiver Kritik von Kollegen, die sich sehr wohl mit dem Thema beschäftigt hatten, zurückrudern. An Peinlichkeit ist das nicht zu überbieten, aber eben auch typisch für den Fehler, eigene Überzeugungen statt recherchierte Fakten zu kommunizieren, wie das dankenswerterweise Gratiana Steinkamp für uns macht. Vielen Dank dafür!

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