Es wird immer wieder von Patienten, die auf der Suche nach einem Therapieplatz sind, darüber geklagt, dass niedergelassene Psychotherapeuten schlecht erreichbar seien. Vielfach sei nur ein sehr kleines Zeitfenster als Sprechzeit der Praxis angegeben (z.B. Dienstags von 9h bis 9.30h), bei dem dann immer unterstellt ist, dass der oder die Suchende dann auch telefonieren kann, was zum Beispiel für viele Berufstätige mitunter gar nicht oder nur schwer umzusetzen ist.

An der Berliner Charité wurde  2019 zu diesem Thema unter Federführung des Psychologen und Psychiaters Prof. Dr. Michael Linden eine kleine Studie durchgeführt, über die im Februar 2021 im Deutschen Ärzteblatt von den Autoren Linden, Solvie, Zänker und Rose berichtet wird. Die Studie bestätigt leider die gängigen Berichte und Beschwerden und wartet in der Diskussion mit einer ungewöhnlichen und merkwürdigen Empfehlung auf.

Von den 2051 in der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) für Berlin registrierten Psychologischen Psychotherapeuten, wurden in dieser Studie immerhin 900 telefonisch zu kontaktieren versucht, wobei die in der  KV hinterlegten Daten (Telefonnummer und Sprechzeiten) verwendet wurden, auf die auch ein Patient auf der Suche nach einem Therapieplatz angewiesen wäre.

Es zeigte sich, dass 10 % der Therapeuten gar nicht erreichbar waren, entweder weil die Telefonnummer nicht stimmte bzw. nicht mehr aktuell war oder weil unter der Nummer kein Anrufbeantwortet geschaltet war. Insgesamt konnten immerhin 48 % der Therapeuten zu der angegebenen Sprechzeit erreicht werden. Wenn der direkte Kontaktversuch nicht zustande kam, aber auf dem Anrufbeantworter eine Bitte um Rückruf ausgesprochen werden konnte, erfolgte dieser Rückruf aber nur in einem von drei Fällen (36 %).

Die Ergebnisse der Umfragen zeigten laut den Berliner Autoren, „dass die Klagen über die schlechte Erreichbarkeit von Psychotherapeuten nicht unbegründet sind. In der Erhebung ging es nicht um einen Therapieplatz, sondern um die Bitte um einen Rückruf durch Fachkollegen. Es kann also vermutet werden, dass Patienten möglicherweise noch mehr Probleme haben, einen Therapeuten zu sprechen“  (S. A254).

In der Diskussion ihrer Ergebnisse weisen die Autoren mit Recht darauf hin, dass eine Besserung der Erreichbarkeit von Psychotherapeuten zwar offensichtlich angezeigt sei, dass andererseits eine bessere Erreichbarkeit nicht bedeute, dass für Patienten dadurch auch Therapiemöglichkeiten zur Verfügung stünden – und diese sind ja das eigentliche Anliegen. Vor diesem Hintergrund entwickeln sie eine bemerkenswerte Schlussfolgerung insoweit, als sie hier die Hausärzte in doppelter Weise in der Pflicht sehen: Erstens sollen sie die leichter beeinträchtigten Patienten selbst versorgen (psychosomatische Grundversorgung), und zweitens sollen sie nach einer Priorisierung der Dringlichkeit für die schwerer betroffenen Patienten (auch) die Suche und Vermittlung eines Therapeuten übernehmen, weil sie aufgrund ihrer Kenntnis des Patienten eben dafür die Geeigneten seien!

Im Wortlaut liest sich das so: „Sie kennen ihre Patienten über längere Zeiträume und sind fachlich und organisatorisch in der Lage abzuklären, was vorliegt und sinnvollerweise zu tun ist. Sie können den Patienten über die weiteren Optionen beraten und sie vor allem auch in die gebotene Therapie vermitteln. Deshalb sollte die Verantwortung bei Hausärzten liegen, Patienten einen Therapieplatz in angemessener Zeit zu besorgen und sie bis dahin auch zu betreuen. Sie kennen in der Regel die niedergelassenen Psychotherapeuten im Umfeld und deren Kompetenzen. Sie können auch den Kontakt anbahnen. Gleichzeitig sind Ärzte der Grundversorgung in der Lage zu priorisieren, bei wem eine Therapie notwendig ist und wer durch die (psychosomatische) Grundversorgung hinreichend betreut werden kann“ (a.a.O.; Hv. GU).

Dass dieses überraschende Finale etliche (offensichtlich allgemeinmedizinische) Leserzuschriften provozierte, in denen diese den Hausärzten zugewiesene Rolle umgehend zurückgewiesen wurde, braucht nicht zu verwundern. Denn der „Zaubertrick“ der Berliner Autoren erscheint weder unter dem Gesichtspunkt der Qualifikation, der verfügbaren Ressourcen (Zeit), noch der Honorierung von Hausärzten recht überzeugend.

Und doch ist der von Prof. Linden und Co-Autoren aufgebrachte Gesichtspunkt der Priorisierung bedenkenswert, also die Frage, bei welchen Patienten es wirklich einer ambulanten Psychotherapie bedarf und welche Patienten mit einem weniger intensiven Angebot auch gut (oder vielleicht sogar besser) bedient wären. Neben der von den Berliner Autoren erwähnten psychosomatischen Grundversorgung wäre hier zum Beispiel auch an die diversen (z.B. Ehe-, Familien- und Lebens-) Beratungsstellen zu denken, die nach meinem persönlichen Eindruck “auf dem Radar” der niedergelassenen Ärzte ebenso wenig vorkommen wie auf dem der Patienten. Selbst wenn es sich bei den Beraterinnen und Beratern teilweise um ehrenamtlich Tätige handelt, sind diese deshalb nicht unqualifiziert, sondern haben in der Regel eine spezifische Qualifizierung für diese Beratungstätigkeit durchlaufen und befinden sich zudem mit ihrer Beratungstätigkeit in kontinuierlicher Supervision. Allemal für “gestresste” Patienten, die in der hausärztlichen Praxis durch gehäufte körperliche Beschwerden präsent sind, aber womöglich (noch) keine ausgeprägten psychopathologischen Störungen entwickelt haben, könnte diese Ausweichmöglichkeit genau das Richtige sein, zumal als Beratungsstellen im Hinblick auf Terminvereinbarung und -gestaltung freiere Hand haben als niedergelassene Psychotherapeuten. So kann etwa die Frequenz der Termine ebenso beliebig vereinbart (und geändert) werden wie die Frage, ob außer dem Patient weitere Personen in die Beratung einbezogen werden.